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Mobile Payment: Der unnötige Zweikampf

Dass sich mobiles Bezahlen früher oder später durchsetzen wird, steht ausser Frage. Doch der mangelnde Kooperationswille innerhalb der Branche bremst die Entwicklungen des Mobile Payments.

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Text: Rino Borini

Eigentlich ist die Zukunft schon da: Dank mobilem Internet, ausgeklügelten Technologien und hohen Sicherheitsstandards sind Zahlungen mit dem Smartphone an immer mehr Verkaufsstellen möglich. Auch der Geldtransfer unter Privaten ist dank cleverer Apps einfacher denn je: Die Telefonnummer des Empfängers reicht, um Beträge in Echtzeit zu transferieren.

Ob Bargeld innert eines Jahrzehntes tatsächlich verschwinden wird, wie es John Cryan, Chef der Deutschen Bank prophezeit, wird sich zeigen. Sicher ist, dass es als Zahlungsmittel von digitalen Formen abgelöst wird. Wie das in einem fortgeschrittenen Stadium aussieht, zeigen die Nordländer: Wer etwa in Schweden mit Münzen oder Noten bezahlt, wird schräg angeschaut.

Ein Land, eine Bezahl-App

Auch Dänemark ist der bargeldlosen Gesellschaft schon ziemlich nahe. Fast die Hälfte der 5,6 Millionen Einwohner nutzt Mobile Payment – und zwar alle mit derselben App: «MobilePay» von der Dankse Bank. Diese wurde vor fast drei Jahren, im Mai 2013, lanciert. Die Anwendung steht allen offen, die Nutzer müssen nicht zwingend ein Konto bei der Danske Bank haben – was bei rund zwei Drittel der Fall ist.

Im Durchschnitt werden über die App jede Minute umgerechnet 6200 Franken transferiert. In über 19 000 Geschäften kann mit der Anwendung einfach und schnell bezahlt werden. Zudem wird fast jedes zweite Zugticket auf diese Weise beglichen. Auch Zahlungen in Webshops sind möglich: Knapp 3000 Online Shops akzeptieren Mobilepay.

Die App ist derart beliebt, dass sie nach Facebook und Facebook Messanger an dritter Stelle rangiert. Die Dänen haben etwas geschafft, was für eine kleine Nation eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein sollte: das Etablieren eines einheitlichen mobilen Bezahlstandards, losgelöst von irgendwelchem Gärtchendenken. In der Schweiz ist eine solche Zusammenarbeit noch Wunschdenken.

 

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Helvetischer Föderalismus

Hierzulande herrscht beim mobilen Zahlen Föderalismus pur: Bis vor wenigen Monaten gab es knapp ein halbes Dutzend verschiedene Lösungen. Inzwischen kämpfen vor allem zwei Zahlsysteme um die Gunst der Kunden: Paymit und Twint.

Paymit ist ein Gemeinschaftswerk des Infrastrukturanbieters SIX sowie den Banken ZKB und UBS. Inzwischen sind auch Swisscom, Raiffeisen und diverse Kantonalbanken auf den Zug aufgesprungen. Twint wiederum ist eine 100-Prozent-Tochter der Postfinance, die nicht nur das Versenden von Geld ermöglicht, sondern auch Bezahlen in Geschäften. Diesen letzten Schritt hat Paymit noch nicht vollzogen, doch ab März soll diese Möglichkeit ebenfalls bestehen. Auch bei Twint sind andere Banken dabei, wie Bank Coop, Valiant und ebenso einige Kantonalbanken.

Beide Anbieter kämpfen stark um die Gunst der Banken. Zweikämpfe mögen im Sport eine spannende Sache sein, wenn es darum geht, einen Bezahlstandard zu etablieren, sind sie es nicht. Zwei Standards sind in einem Acht-Millionen-Land einer zu viel.

Zufrieden mit der jetzigen Situation sind lediglich die Werbeindustrie und die Entwicklerbranche. Für die Kunden und letztlich für die Finanzbranche ist die Lage eher schädlich – wenn nicht sogar gefährlich: Je mehr sich Paymit und Twint bekämpfen und gegenseitig schwächen, statt gemeinsam zu wachsen, desto grösser die Wahrscheinlichkeit, dass ein externer Dritter das Rennen macht. Apple oder Facebook würden liebend gerne in die Bresche springen; an Investitionskapital mangelt es nicht, und Zugang zur Konsumentenschnittstelle haben beide seit Jahren.

Unattraktiv sind zwei verschiedene Systeme auch für die Ladenbesitzer. Denn Twint arbeitet mit der Beacon-Technologie, die ohne Near Field Communication (NFC) auskommt. Das ist aus Technologiesicht sehr clever, bedeutet jedoch auch, dass jeder Ladenbesitzer neben seinem herkömmlichen Kreditkartenterminal noch einen Beacon hinpflastern muss. Bei Paymit muss beim Start einen QR-Code eingescannt werden. Das ist eher antiquiert und kann nicht das Endziel sein.

Lernen aus der Vergangenheit

Ob Twint oder Paymit die bessere Lösung ist, ist Geschmackssache. Klar ist: Würden sämtliche relevanten Player ihre Kräfte bündeln und gemeinsam das Beste aus beiden Welten zu einer Lösung vereinen, hätte dies das Zeug, im Nu zum nationalen Standard zu werden. Angesichts einer derart breit abgestützten Lösung würden ausländische Anbieter es sich zwei Mal überlegen, ob der Schweizer Markt in Angriff genommen werden sollte. Und vor allem: Für Herr und Frau Schweizer ist es bedeutend einfacher und effizienter.

Eine gemeinsame Lösung sollte letztlich auch im Sinne des Staates sein. Und diesem gehört immerhin die Postfinance, die ja zu 100 Prozent im Besitz der Post (die wiederum zu 100 Prozent dem Bund gehört) ist. Da kann es einem schon sauer aufstossen, dass sich das staatliche Unternehmen lieber auf einen aufreibenden Zweikampf einlässt, statt partnerschaftlich nach Lösungen zu suchen.

  1. Christian Bucheli sagt:

    Der Zweikampf in der Schweiz ist sicher schwierig um die Akzeptanz im Markt rasch durchzubringen. Aber auch in Dänemark gibt es nebst MobilePay der Danske Bank ein zweites Mobile Payment Scheme Namens Swipp, das von anderen Banken aufgebaut wurde.

  2. Der bessere gewinnt sagt:

    Dann sollte uns wohl auch sauer aufstossen das der Staat die UBS gerettet hat, hätte man das auch dem Markt überlassen gäbe es heute keinen Wettbewerb in diesem Bereich. Solche Argument hinken sorry. Postfinance hat hier sicherlich auch einen Vertrauensvorsprung, abe rschauen wir was sich auf dem Markt durchsetzt. In 12 Monaten wissen wir mehr.

  3. Isabella Gruszka sagt:

    Mich erinnert diese Diskussion ein wenig an die „User-friendly-Entwicklung“ bei den Bankomaten. Heute akzeptiert (fast) jeder Bankkmat (fast) jede „fremde“ Karte. Das wird auch im Fall von Mobile Payment sein. Aber eben lasst doch bitte die Werbebranche ein wenig noch verdienen. Das sage ich als digitaler Marketer

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