Der Blog über die nächste Generation der Finanzdienstleister



Fintech Schweiz – Die jungen Wilden

In einer digitalen Welt verlangen Kunden digitale Lösungen, das gilt auch für Finanzdienstleistungen. Technologiefirmen haben das erkannt und bedrohen Banken in ihren einträglichsten Geschäftszweigen.

JungeWilde
Text: Rino Borini

Mit dem iTunes Store veränderte Apple 2003 den Musikmarkt für immer. Das Besondere daran war, dass einem branchenfremden Unternehmen das gelang, woran die Musikindustrie zuvor jahrelang gescheitert war: ein funktionierendes Geschäftsmodell für den digitalen Musikvertrieb auf die Beine zu stellen, das die Hörer von den illegalen Tauschbörsen weglockte.

Technologien, die bisherige Arbeitsweisen grundlegend in Frage stellen und ganze Branchen zu einer Neuausrichtung zwingen, nennt man disruptive Innovationen. Diese führen zu neuen Produkten, neuen Vermarktungswegen und vor allem zu neuem Kundenverständnis. Letzteres ist heute die treibende Kraft: Die digitalen Natives werden ab dem Jahr 2017 erstmals in der Mehrheit sein. Derzeit trifft die digitale Revolution mit voller Wucht den Finanzsektor. Anfang September verkündete Apple, in den mobilen Zahlungsverkehr einzusteigen.

Fintech_Millennium
Der Konzern aus Cupertino ist damit nicht allein: Entlang der Wertschöpfungskette von Finanzdienstleistungen haben sich mittlerweile weit über 3000 FinTech-Firmen eingenistet, vor vier Jahren waren es noch 60. Sie alle haben ein Ziel: Geschäftsfelder finden, in denen mit Innovation hohe Profite erzielt werden können. Das können Zahlungsverkehr, Konsum- und Firmenkredite oder die Vermögensverwaltung sein – das Kerngeschäft vieler Banken.

FinTechs wachsen rasant

Die neuen Player sind gut aufgestellt. Etwa das junge US-Unternehmen Lendingclub, das Konsumkredite zu bedeutend attraktiveren Konditionen als Banken vermittelt. In nur einem Quartal konnte die Firma ihr Kreditvolumen um eine Milliarde Dollar auf insgesamt fünf Milliarden erhöhen. Die Banken werden in diesem Modell ihrer ältesten Funktion beraubt und zum reinen Zahlungsabwickler degradiert. Inzwischen plant das auf vier Milliarden Dollar bewertete Unternehmen den Börsengang.

Ein weiteres erfolgreiches Startup ist der Online- Vermögensverwalter Wealthfront. Das 2011 gegründete Unternehmen bietet eine einfache, höchst professionelle digitale Vermögensverwaltung an, aber zu extrem günstigen Konditionen. In nur knapp drei Jahren schaffte es Wealthfront mit seinen 40 Mitarbeitern, eine Milliarde Dollar an verwaltetem Vermögen einzusammeln. Hierzulande sucht man solche Erfolgsgeschichten (noch) vergebens.

FinTech-Unternehmen sind rar gesät, obwohl die Schweiz über ausgezeichnete Hochschulen verfügt und Kapital vorhanden ist. Die Schweizer Start-ups, die das verstanden haben, schlossen sich kürzlich im Verein Swiss Finance Startups zusammen, um ihre Kräfte zu bündeln und mehr Gehör zu finden. Dass die Schweizer FinTech-Branche klein ist, ist für die hiesigen Bankenmammuts nicht zwingend eine gute Nachricht. Denn die internationalen Geschäftsmodelle sind skalier- und auch für den Schweizer Markt anwendbar.

Aufholbedarf Schweiz

Wenn die Banken nicht gegensteuern, könnten sie auf lange Sicht auf den unprofitablen Geschäftsbereichen sitzen bleiben und zu einem besseren Backoffice mutieren. Der Londoner Finanzplatz hat erkannt, dass die Regeln der Finanzbranche nach solchen Durchbruchinnovationen neu geschrieben werden. Die logische Folge: Den Londoner Finanzplatz im Bereich FinTech weltweit in eine führende Position zu hieven, ist eine der Prioritäten der Regierung Cameron (hier nachzulesen: Speech Chancellor on developing FinTech)

In der Schweiz sind solche Vorsätze nicht zu vernehmen. Dabei ist hierzulande jeder 17. Job in der Finanzindustrie angesiedelt, elf Prozent der nationalen Wertschöpfung werden hier erzielt. Innovation und nicht Bankgeheimnis sollte auf der To-do-Liste aller Bankmanager weit oben stehen. Ansonsten könnte das geschehen, was der analogen Uhrenindustrie in den 1980er-Jahren passierte: Durch die neue Konkurrenz in Form digitaler Quarzuhren brachen die Verkäufe dramatisch ein, es herrschte Panik. Erst Nicolas Hayek konnte den Abwärtstrend stoppen. Auch er war ein Branchenfremder.

  1. […] von (noch) etablierten Banken ist zwar bedauerlich, bedeutet aber auch Chancen für die neuen FinTech-Unternehmen in der Schweiz … ein Beispiel dafür ist True Wealth, das in meiner Wahrnehmung schon auf den ersten Blick […]

  2. S.Hansen sagt:

    Ein sehr interessanter Beitrag. So ist es! Kunden verlangen optimalen Service, Zuverlässigkeit, Erreichbarkeit und Schnelligkeit. Dank der Digitalisierung ist das heutzutage für jedes Unternehmen möglich und auch notwendig. Ohne Digitalisierung keine Wettbewerbsfähigkeit. Doch wie alles hat auch die Digitalisierung zwei Seiten: Arbeitnehmer müssen auch mit den Informationsfluten und der Schnelllebigkeit zurecht kommen.

  3. […] für die Entstehung einer lebhaften FinTech-Startup – Szene. Und tatsächlich: Einige „Junge Wilde“ sorgen für frischen Wind im betont konservativen Schweizer Bankensektor, […]

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