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Twint – ein Debakel?

Kaum die Nabelschnur abgeschnitten, wird Twint bereits der baldige Tod prophezeit. Diese Kritik ist unberechtigt, da sie auf falschen Zahlen basiert.

Twint
Text: Rino Borini

Auslöser des Twint-Sturms war ein Artikel von Lukas Hässig auf seinem Webportal InsideParadeplatz: «Twint-Downloads bei CS? Ein Tausend. Mikroskopisches Interesse an Mobile-App – Bei anderen Banken nur leicht besser – Versager stammen von Postfinance», so sein Einstieg. Die Kritik wurde dankbar aufgenommen und weiterverbreitet. Kritik ist richtig und wichtig, doch meist ging der wichtigste Aspekt vergessen: Wie nehmen die Kunden Twint auf?

Bei Twint reagierte man etwas unbeholfen auf die Kritik. Während die Gegner eine ganze Kavallerie auffahren, scheint bei Twint die Devise «Augen zu und durch» zu gelten. Dabei hat man einen Blog, eine Medienstelle und diverse soziale Kanäle, auf denen man hätte aktiv reagieren können.

Doch zurück zur zentralen Frage: Ist Twint wirklich ein Fehlstart mit Ansage? Ist unser nationaler mobiler Zahldienst T(win)t ein T(lost), wie ein weiteres Blog meinte? Die Antwort bereits vorab: Nein. Das zeigen zumindest die Kundenaktivitäten: Insgesamt wurden im Juni 2017 über 270‘000 Transaktionen durchgeführt, das heisst, rund alle zehn Sekunden wurde mit Twint bezahlt oder Geld verschickt. Kunden sind also nicht per se abgeneigt, das neue Zahlungssystem zu nutzen. Nachfolgend einige Fakten:

Registrierte Nutzer versus Downloads

Per Ende Juni haben sich schweizweit 375 000 Nutzer bei einer der neun partizipierenden Banken die Twint-App oder Twint Prepaid (Lösung für Banken ohne eigene Twint-App) registriert. Seit Lancierung im April dieses Jahres wurde die Twint-App, in welcher Form auch immer, über 600 000 Mal heruntergeladen.

Die Messelatte, an der Erfolg oder Misserfolg bestimmt wird, kann nicht auf Download-Zahlen basieren. Ein Download ist schnell gemacht. Die erste grösste Hürde ist es, den Kunden dazu zu bringen, sich zu registrieren, also die App mit Bankkonto oder Kreditkarte verknüpfen. Und das haben von 600 000 immerhin 375 000 getan – eine Quote von 62,6 Prozent also. Das lässt sich durchaus sehen.

Drei Monate am Start

Twint wurde anfangs April als nationale Lösung neu lanciert, nachdem die Paymit-Anbieter mit den Twint-Anbietern fusionierten. Die Fusion war richtig und wichtig, doch sie kam zweifelsfrei zu spät. Über Monate trugen Twint und Paymit einen unnötigen Machtkampf aus. Dieser kostete nicht nur viel Geld und Nerven, sondern vor allem wertvolle Zeit. Hätten sich die Anbieter früher zusammengerauft, wäre die nationale Lösung früher einsatzbereit gewesen, der Vorsprung auf die Konkurrenz grösser.

In der ersten Phase der Neulancierung wurde die App von UBS und ZKB angeboten. Ende Mai kamen die nächsten Banken dazu: Credit Suisse, Raiffeisen, Postfinance und Banque Cantonale Vaudoise dazu. Auch hier gilt es, den Hintergrund zu verstehen. Nur UBS und Twint haben bestehende Kunden der alten Lösung auf das neue Twint migriert. BCV, ZKB, Postfinance und Raiffeisen-Kunden mussten sich nochmals neu anmelden und sind so gesehen neu im Klub. Und Credit Suisse hatte bis Mai überhaupt keine Lösung und ist ganz neu dazugekommen.

Hohes zweistelliges Wachstum

Downloads spielen für eine Bezahl-App wie gesagt keine Rolle. Auch die Zahl der registrierten Nutzer ist nur eine Zwischenstation. Ob Twint ankommt oder nicht, zeigt sich letztlich nur in einem Wert: der Zahl der Transaktionen.

Die Zahlen zeigen ein deutliches Bild: Im Juni wurden insgesamt 270 000 Transaktionen getätigt, pro Minute wurde also Twint sechs Mal eingesetzt. Seit April sind die Transaktionen (knapp 181‘000) um knapp 50 Prozent gestiegen.

48 Prozent aller Transaktionen fanden im Juni am Ort des Verkaufs statt. In 41 Prozent der Transaktionen versenden Private untereinander Geld, elf Prozent kommen aus dem e-Commerce. Natürlich ist der Anteil von Twint am gesamten Zahlungsverkehr noch ein Klacks.

eCommerce wächst

Interessant sind der eCommerce und der stationäre Handel. Der grösste Onlinehändler der Schweiz ist mit 704 Millionen Franken Umsatz (2016) die Digitec/Galaxus-. «Aktuell zahlen vier von 100 Kunden mit Twint», sagt Mediensprecher Alex Hämmerli. Das sind vier Prozent.

Vor allem zwischen April und Juni ging Einiges. «Nachdem UBS und ZKB Ende April ihre eigenen Twint-Apps veröffentlicht haben, ist der Anteil von Twint im Zahlungsmittelmix unserer Privatkunden innerhalb weniger Tage von zirka ein Prozent auf rund drei Prozent gestiegen», so Hämmerli weiter.

Und wie sieht es aus mit der Konkurrenz? «ApplePay ist zurzeit nicht relevant genug, um die Online-Zahlungsmöglichkeit zu implementieren. ApplePay funktioniert ja nur für Nutzer von Safari-Browsern und Apple-Geräten». Vorteil Twint! Und nicht vergessen: Diese Aussage kommt nicht von irgendwem, sondern vom erfolgreichsten Onlinehändler der Schweiz, von der Front also.

Auch bei Starticket, der Nummer zwei im Eventticket-Bereich, hatte die Twint-Neulancierung Folgen. Lag der Anteil vor April bei gerade mal einem Prozent, wird Twint heute bei 8,4 Prozent der Transaktionen verwendet. Diese grosse Steigerung in kürzester Zeit zeigt, dass die Kunden dieser Zahlmöglichkeit nicht abgeneigt sind. Bei Starticket ist Twint inzwischen das vierthäufigste Zahlungsmittel.

Bankkonto in der Hosentasche

Ein grosser Vorteil von Twint ist die Möglichkeit, die App mit dem Bankkonto zu verknüpfen. Das geht jedoch nur mit den Banken-Twint-Apps. Die Möglichkeit, kostenlos Geld zu senden und zu empfangen, am Kassenterminal mobil zu bezahlen und vor allem in Online-Shops ist zweifellos von Vorteil. Und letztlich bietet die Kontoanbindung dem Nutzer eine transparente Kostenübersicht, sei es im Kontoauszug oder auch in seinem Personal Finance Manager (Ausgabenübersicht, Budgetkontrolle), den heute viele Banken im Einsatz haben.

Verschuldung nimmt zu

Ein weiteres Argument liefert die Verschuldung von Jugendlichen. Bezahlen mit der Kreditkarte tut nicht weh – bis man Ende Monat die Rechnung sieht. Gemäss einer Umfrage von Intrum Justitita (European Consumer Payment Report) stimmen 59 Prozent der Befragten zu, dass leicht zugängliche Kredite über Smartphones Sorge bereiten. Und genau das tun letztlich Systeme wie ApplePay in der Schweiz: Sie belasten die Kreditkarte, nicht die Debitkarte.

Wer jedoch die Twint-App einer der neuen Banken nutzt, kann sie mit seinem Bankkonto verbinden: Zahlungen werden direkt von da getätigt, solange Geld auf dem Konto ist. Twint ist somit vergleichbar mit der EC-Karte, nicht mit der Kreditkarte. Dementsprechend geringer ist die Verschuldungsgefahr.

QR Code

Dann ist da noch die Geschichte mit den QR-Codes. Das sei veraltet und kundenunfreundlich, heisst es oft von Kritikern. Nun ja, bei Bitcoin läuft auch vieles über QR-Codes und Bitcoins finden derzeit ganz viele super toll.

Für Kleinhändler ohne Terminal ist das System mit QR-Codes eine effiziente und einfache Möglichkeit ein Zahlsystem anzubieten. Und für Kunden: Sie hätten so die Möglichkeit, auch auf dem Markt, beim Hofladen oder auf einem Food-Festival digital zu zahlen. Erstaunlicherweise setzt auch Alipay derzeit auf QR-Codes. Und man denke mal weiter: Was wäre, wenn plötzlich Twint-Kunden an allen für Alipay eingerichteten Terminals auch bezahlen könnten?

Fazit: Rohrkrepierer?

Was in der Diskussion komplett vergessen geht, ist die Tatsache, dass sich letzten Endes 40 Schweizer Banken – wenn auch mit etwas Startschwierigkeiten – auf ein gemeinsames System und einen Standard einigen konnten: Kunden wollen nicht unzählige Bezahlmöglichkeiten von unzähligen Banken. Sie wollen eine App, die überall funktioniert.

Doch zurück zur Frage: Ist Twint also tot, bevor es überhaupt richtig atmen konnte? Ein Rohrkrepierer mit Ansage? Nein! Natürlich kämpft auch Twint mit Kinderkrankheiten und ist noch lange nicht das Gelbe vom Ei. Doch es geht nicht um Twint oder ApplePay, es geht darum, dass der Kunde für jede erdenkliche Situation das passende Zahlungsmittel hat.

Das Zahlungswesen ist ein globaler Milliardenmarkt, bei dem der eine oder andere gerne mitmischen würde. ApplePay oder Samsung Pay versuchen ihr Glück derzeit auch in der Schweiz – aber warum das Spiel nicht umkehren? Warum nicht den grossen Wurf wagen und international denken? Man stelle sich eine einzige globale Twint-App vor, bei der man mit einem Touch seine Hausbank auswählen kann. Auch innerhalb der Schweiz könnte grösser – in diesem Fall kleiner – gedacht werden: Warum «verpflastert» Twint nicht alle Parkuhren mit ihren Beacons? Denn genau dort fehlt oftmals das Kleingeld, mit einer mobilen Zahllösung wäre das Problem aus der Welt geschaffen.

Ein Kritikpunkt, den keine Geiss wegschleckt, ist die Sache mit der Kommunikation. Statt auf den Dachbrand Twint zu setzen, sehen Konsumenten sechs verschiedene Werbekampagnen. Das ist kostspielig, verwirrend und tut der Sache keinen Gefallen. Wenn sogar Vertreter der Generation Y nicht auf Anhieb verstehen, welche Twint-App sie runterladen müssen, ist das ein schlechtes Zeugnis für die Marketingabteilungen.

Doch letztlich braucht es Zeit, denn Schweizer sind tendenziell Technologie-Skeptiker. Das zeigen auch die Entwicklungszahlen der NFC-Technologie bei den Kredit- und Debitkarten. Das kontaktlose Zahlen brauchte auch Zeit. Zudem ist die Schweiz ein Land des Bargelds (im Vergleich zu nordischen Staaten).

 

 

 

Zu meiner Transparenz: Ich nutze ApplePay, Revolut und Twint regelmässig (einen Bankomaten habe ich das letzte Mal vor rund zwei Wochen benutzt). Mit allen drei Systemen hatte ich schon Probleme: ApplePay erkannte meinen Fingerabdruck nicht. Als die Schlange hinter mir immer länger wurde, habe ich mit der Kreditkarte bezahlt. Twint wiederum funktionierte einmal im Coop nicht – die EC-Karte hat mich erlöst. Und als ich mit Revolut die U-Bahn in London bezahlen wollte, kam eine Errormeldung – die Kreditkarte musste einspringen. Auf der Gegenseite zu diesen drei Fails stehen unzählige Situationen, in denen diese Zahlungssysteme den Zahlungsvorgang massiv erleichterten.

 

 

 

 

  1. Thomas Lang sagt:

    Danke für diese Sicht der Dinge und ich wünschte es TWINT, dass der Druchbruch gelinge. Zeit und Kundenfokussieren sprechen (für mich) leider eine andere Sprache.

    Und immer interessant, welche Nutzungszahlen man von den PR- und Kommunikationsabteilungen erhält und welche effektiv erzielt wurden. Diese Diskrepanz verblüfft mich immer wieder.

    Merci für diese Replik.

  2. Hans Meier sagt:

    Twint kommt leider zu spät. Die Schweizer Banken haben es schlicht verpennt, gemeinsame Sache zu machen und den Markt zu erobern. Jetzt wird der Kunde entscheiden und es ist klar wo die Reise hingeht, nämlich zu Applepay und Samsungpay, leider… Wenn die Banken schlau sind, öffnen sie sich für diese Bezahlformen, sonst werden die Banken bald überflüssig

  3. Claudia Meile sagt:

    Ein differenzierter Artikel zu einem komplexen Thema. Gut gemacht!

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